Ewigkeit



Als Vianne ein kleines Mädchen war, vielleicht 7 Jahre jung, konnte sie sich stundenlang mit der Struktur von Baumblättern beschäftigen.

Sie war fasziniert von Unterschiedlichkeit, Form und Farbe jedes einzelnen Blattes. Und sie liebte das Geräusch der am Boden liegenden Blätter, wenn sie durch sie hindurch lief.

Sie atmete ihren Geruch ein und zog die feinen Linien, die wie winzige Adern aussahen, mit ihrem Finger nach.
Manchmal, wenn sie die Blätter berührte, kam es ihr vor, als berührte sie ein gefallenes Kind. Ein Kind des Baumes, welches nun von ihm getrennt war. Das machte sie oft traurig und wenn sie besonders schlimm traurig war, nahm sie ein Blatt ganz fest gepresst in ihre kleinen Kinderhände, drückte es an sich und schloss die Augen. Es war, als wolle sie es trösten und ihm das Gefühl geben, dass es nicht allein war.

Am liebsten mochte sie Ahornblätter, wenn sie sich im Herbst in warmes Gelb-Rot verfärbten. Sie sammelte vor ihrem Haus mit Vorliebe große Blättersträuße vom Boden auf und einige von ihnen wurden in ihren Lieblingsbüchern gepresst.
Eines Tages kniete sie wieder einmal unter dem Ahornbaum vor ihrem Haus, mit beiden Händen in seinem Blatthaufen, als sie ein besonders großes Blatt unter vielen anderen hervor zog. 
Seine Außenseite fühlte sich rau an und feuchte Erde haftete an ihm. Darunter schimmerte goldenes Gelb und zarte weinrote Blattadern zogen sich innen wie zersprungenes Glas über seine Blattwände. 
Sie wischte vorsichtig die Erde ab, als sie plötzlich eine Stimme hörte.

Vianne kannte diese Stimme. 
Sie kam nicht von außen, es war mehr ein Vibrieren von innen. Wie der zu stark aufgedrehte Bass in einem Lied. Ihr Kopf und ihr Bauch wurden immer ganz warm und weit, wenn sie die Stimme wahrnahm.
Die Stimme vibrierte wortlos: „Erinnere Dich.“
Vianne atmete tief durch. Auch das geschah fast immer automatisch, wenn das Vibrieren begann.
Sie wusste nicht warum, doch sie schloss für einen Moment die Augen. Nach einer Weile öffnete sie sie langsam wieder und ließ ihren Blick auf dem Baum ruhen. Das Blatt lag ganz leicht in ihrer linken Hand an.

Das Vibrieren in ihrem Bauch hielt an und es entstand ein Ton in ihr, den sie noch nie zuvor gehört hatte. Er klang weder hoch noch tief, er war mehr eine tanzende Bewegung. Sie wusste nicht, dass Töne sich auch bewegen können, bis zu diesem Moment. Er vibrierte und tanzte im Puls ihres Herzschlags und während sie den Baum betrachtete, konnte sie auch seinen tanzenden Herzschlag spüren.
Ihre beiden Herzschläge verbanden sich und es begann ein gemeinsamer innerer Tanz. 
Weder der Baum, noch Vianne bewegten sich. Sie saßen nur still voreinander und Vianne lauschte nach innen.

Innerlich vibrierend und mit dem Herzschlag des Baums tanzend, fiel ihr Blick auf das Blatt in ihrer Hand und plötzlich setze ihr Atem für einen Moment aus. Jetzt, in genau dieser Sekunde begriff sie, dass es einen Grund gab warum sie unter diesem Baum saß, mit seinem Blatt in ihrer Hand. Sie staunte über den pulsierenden Ton in ihr, der ihr mitteilte, dass es nicht sie gewesen war, die die gesammelten Blätter tröstete. Nein, der Baum und seine Blätter trösteten sie. 
Durch alle seine gefallenen Kinder, ließ er sie wissen, dass sie nicht allein war. 
Sie hatte schon unzählige Blätter berührt, doch aus irgendeinem Grund hatte sie die wirkliche Bedeutung dieser Berührung vorher nie wahrgenommen.
Ihr wurde schwindelig und sie spürte, dass ihr gemeinsamer Tanz jetzt schneller pulsierte. 
Sie ahnte, warum er sie trösten wollte. Und sie atmete ein weiteres Mal tief in sich hinein, mit geschlossenen Augen.

Der Baum ließ sie wissen, dass er nicht der einzige Baum auf dieser Welt sei, der Menschen und Wesen tröste. Viele, unvorstellbar viele andere Bäume, Pflanzen und Blumen täten dies auch. Und nicht nur das. Alles, was es auf dieser Erde gibt, sei zum Trost geschaffen worden. Doch seine wirkliche Aufgabe läge darin, Menschen daran zu erinnern „was sie bedeuten“. 

Er erzählte ihr von der Liebe und dass der Mensch viele Wege geht, um sich daran zu erinnern, wer er sei und vor allem, warum. Doch selbst wenn er sich erinnerte, würde er die wahre Bedeutung seiner Erinnerung nicht verstehen können, weil er sich nicht über die Bedeutung der Liebe bewusst sei.

Der Baum vibrierte: „Vianne, Du hast mich geliebt und mit jeder Berührung gabst Du mir eine Bedeutung. Dadurch konnten wir tanzen und schließlich hast Du Dich an Deine und meine wahre Bedeutung erinnert.“
Er pulsierte immer langsamer und mit einem letzten Herzschlag beendete er den Tanz: „Alles was Du als Mensch liebst und berührst, wird Dich an Deine wahre Bedeutung erinnern. Hab Vertrauen. Du bist nicht allein.“

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Kommentare: 12
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